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Fritz Barth
Wildbad, eine Hochburg der Wismutmalerei im 16. Jahrhundert
Aus Anlaß des 750-jährigen Bestehens der Zisterzienserinnen-Abtei Lichtenthal fand im Karlsruher Schloß 1995 unter dem Titel „Faszination eines Klosters“ eine
einmalige Jubiläumsausstellung statt, die großen Anklang fand.
Neben vielen wertvollen Exponaten aus Kosterbesitz und auch Leihgaben von verschiedenen Museen erregten dort besonders zwei Exponate, die offensichtlich in
Wildbad hergestellt worden sind, meine spezielle Aufmerksamkeit.
- Das Altärchen der Lichtenthaler Äbtissin Barbara Veus, die dem Kloster von 1551-1597 vorstand. Beschriftet und im Katalog unter Nr. 157 beschrieben, stand
folgendes: „Herstellort Wildbad? nach 1551. Malerei auf Wismutgrund, Höhe 66 cm, Leibgabe des Historischen Museums Basel. Inventar Nr. 1898/284“ Frau Dr. Renate Gold, Nürnberg, schrieb dazu im Katalog:
„Die beiden Außenseiten zeigen einmal die heilige Margareta als Königstochter mit reichverzierten Gewändern und Krone sowie den Kreuzstab in der Hand, mit
welchem sie den Drachen zu ihren Füßen besiegte, und zum anderen die heilige Barbara, ebenfalls in reichem Gewande, während ihr Vater sie eigenhändig
enthauptet. Das Wappen kann der Äbtissin Veus zugeordnet werden, was gleichzeitig auf die Entstehungszeit des Altars hinweist.
Der Flügelaltar gehört zu den seltenen Exemplaren, deren Malerei auf Wismutgrund ausgeführt wurde. Diese Art der Oberflächengestaltung entwickelte sich im
16 Jahrhundert in Süddeutschland und in der Schweiz und befindet sich vornehmlich auf kleinen Kästchen. Der Holzkörper erhielt zunächst einen Kreidegrund,
auf welchen man dann das Metall Wismut, das man zunächst durch einige Arbeitsgänge pulverisierte, zusammen mit einem Bindemittel in feuchtem Zustand
aufstrich. Auf diesen nach dem Trocknen und Polieren silberfarbig schillernden Grund, der heute durch Oxydation des metallischen Wismut dunkelgrau
erscheint, wurde dann die Malerei ausgeführt. Da diese Technik nur an wenigen Orten praktiziert wurde, so in Augsburg, Nürnberg und Ulm sowie in den beiden
Badeorten Wildbad im Schwarzwald und Baden in der Schweiz, darf man vermuten, daß der Altar im nahen Wildbad
entstand.“
- Ferner befand sich in der Ausstellung ein wunderschönes Wismutkästchen. Herstellort Wildbad oder Baden (Schweiz), zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts,
Buchenholz mit Wismutmalerei, Höhe 14 cm, Breite 30,5 cm, Tiefe 22,5 cm. Im Besitz des Klosters
Lichtenthal.
Frau Dr. Rosemarie Stratmann-Döhler schrieb dazu im Katalog unter Nr. 158:
„Die Kästchen mit Wismutmalerei, die von der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts an vorkommen, erlangten die Beliebtheit der mittelalterlichen Minnekästchen mit
Schnitzdekor. Sie scheinen beliebte Mitbringsel aus Badeorten gewesen zu sein. Bedeutende Zentren im südwestdeutschen Raum waren Baden und Wildbad.
Die Temperamalerei wurde auf einen Grund aus zu Pulver zermahlenem Wismut mit Bindemittel aufgetragen. Dieser Grund erschien ursprünglich silbern oder, mit
Goldlack überzogen, goldfarben, ist jedoch im Laufe der Jahrhunderte oxydiert und nun dunkelgeworden.
Dargestellt sind auf Deckel und Wandungen bunte Blumen in rot und weißgerahmten Feldern. Auf dem Deckel befindet sich inmitten der Blumen die Figur der
heiligen Margarethe, die mit dem Kreuzstab einen Drachen durchbohrt“
Soweit die Beschreibungen im Ausstellungskatalog.
Der Heimat- und Geschichtsverein „Oberes Enztal“ konnte kürzlich unter Führung von Professor Himmelein im Museum des Klosters Lichtenthal jedoch nur das
Wismutkästchen besichtigen, da das Hausaltärchen wieder zurück in Basel ist.
Wissenswertes zu Wismut beziehungsweise Wismutmalerei:
Wismut = seltenes chemisches Element, das fachsprachlich auch als Bismut bezeichnet wird.
Wismutglanz = Bismuthinit, bleigraues bis zinnweißes, metallglänzendes Mineral.
Wismutocker = erdig graues, gelbes auch grünliches Mineral, verwitterter Wismutglanz.
Wismutmalerei = Wismut ist ein seltenes Metall mit silberähnlichem Glanz, das heute noch in der Farbindustrie, aber auch in der Medizin und in der Kosmetikindustrie
verwendet wird. In der Kunst und im Kunsthandwerk diente es vor allem als Ersatz für teuere Metallauflagen, um etwa Silberintarsien vorzutäuschen oder einen
Goldglanzeffekt zu erzielen. Dazu wurden die Kästchen zuerst mit einer Mischung aus Schlämmkreide und Leimlösung grundiert. Darauf streute man das Wismutpulver
und glättete es mit einem Achatpolierstein, bis die Oberfläche metallisch wirkte und silbrig glänzte. Ein dünner gelblicher Lacküberzug verlieh der Oberfläche eine Art
Goldglanz. Auf diesen silbrig oder golden erscheinenden Grund malte man dann mit Tempera- oder Leimfarben. Der zwischen den buntfarbigen Motiven durchscheinende
magische Wismutglanz umgab die Malerei mit dem Hauch des Kostbaren.
Besonders gepflegt wurde die Malerei in der Volkskunst im 16. -18. Jahrhundert. Frau Dr. Renate Gold, Nürnberg, erstellt zur Zeit darüber eine Forschungsarbeit.
Es ist durchaus denkbar, daß sich entsprechende Exponate noch im Privatbesitz befinden, deren Wert unerkannt ist, die aber erfaßt werden sollten. Im Januar 1997
hielt sie in St. Gallen einen diesbezüglichen Vortrag und sie erbittet, wenn möglich, noch weitere Informationen, wie nachfolgende, die ich ihr zur Verfügung stellte:
In der Beschreibung des Oberamtes Neuenbürg von 1860, Seite 261, steht:
„Im 15. und 16. Jahrhundert waren der Zeitsitte gemäß die hohen Badegäste durch Fahnen, Schilder und Wappen, welche an ihren Herbergen in Wildbad angebracht waren,
bemerklich gemacht. Zierrathen, welche im Jahr 1525 die verheerende Flamme des Brandes weiterleiteten.“
Danach gab die herzogliche Regierung Order, die Schilder und so weiter nur noch im Innern der Herbergen aufzubewahren. Dies gegen den starken Protest der Wirte.
Für das Herstellen der Kennzeichen der hohen Badegäste waren die Maler, Dreher und Ladenmacher zuständig, für die man schon eine hiesige Ordnung aus dem Jahre
1514 kennt.
Im Wildbader Stadtarchiv wurde im 19. Jahrhundert von Archivregistrator Schramm diese Ordnung der Dreher, Maler und Ladenmacher aus dem Jahr 1514 nach der
Schreibweise der Urschrift abgeschrieben, bevor die Urschrift ins Hauptstaatsarchiv Stuttgart kam. Hier ist tatsächlich der Nachweis der Wismutmalerei aktenkundig.
Es ist auszugsweise geschrieben:
„Item so ist auch am drehern in dieser Ordnung zugelassen, das gestenzeliert
geschirr, so man mit dem wissmet (Wismut) schlicht anzustreichen zu machen und unser dem weissen
zu verkauffen.“
Die zehnseitige Ordnung schließt:
„Gegeben ist auff Monttag nach cantate, alls man zallt nach gepurt Christi unsers lieben Herrn Fünfzehen hundert und vierzehen
jar.“
In diesem Repertorium sind Lorenz Herz und Jörg Metzger als Maler, Stoffel Metzger und Hans Märcklin als Dreher aufgeführt.
Der Historiker Elmar König dazu auszugsweise:
„Die Dreher und Ladenmacher waren ein besonderer Berufszweig in Wildbad und stark vom Fremdenverkehr abhängig. Sie waren die einzigen, deren Produkte, unter anderem
bemaltes Holzgeschirr, nicht für den tatsächlichen Bedarf gemacht wurden, sondern Souvenirs darstellten. Die Holzwaren wurden offenbar auf besondere Weise bemalt
und von den Badegästen gerne gekauft.“
Auch dieses deutet auf Wismutmalerei hin.
Wegen kostenlosem Holzbezug reichten die Dreher und Ladenmacher im Juni 1552 eine Petition bei der Herrschaft ein. Sie baten darin, daß die Holzgerechtigkeit
dahingehend auszuweiten sei, daß das Dreh- und Ladenholz vom herzoglichen Forstmeister gratis bezogen werden könne.
Darauf erfolgte am 25. Juni 1552 die Antwort des Herzogs Christoph auf Beibehaltung des Waldzinses für Dreher und Ladenmacher, weil er seit langem bestehe, die
Wälder nicht mehr so seien wie vor Jahren noch und im Bürgerbuch keine Schuldigkeit der Herrschaft erwähnt sei, das Holz frei zu vergeben Der Zins sei gering und die
Handwerker würden mit ihren Produkten doch auch Geld verdienen. Die Forstmeister sollten allerdings den Betreffenden angemessene Käufe ermöglichen und sie nicht
übervorteilen.
Nach dem bisher Erforschten ist nachgewiesen, daß tatsächlich damals in Wildbad neben der Herstellung von Fahnen, Schildern und Wappen auch Souvenirkästchen
für die hohen Badegäste hergestellt und teilweise mit Wismutmalerei verziert wurden, sehr wahrscheinlich auch der Altar der Äbtissin
Veus.
Nachdem ich Frau Boley-Bechtle vom Wildbader Malkreis die Einladung zum Wismut-Malkurs am 5.12.1996 in St. Gallen, Schweiz, überreichte, war nur Maler Heinz
Reichenbach daran interessiert. Leider konnte er, da unfallgeschädigt, nicht am Kurs teilnehmen.
Darauf sprach er den aus Wildbad stammenden Prof. Schlegel, Stuttgart, an, diese untergegangene Maltechnik an ihrem Ursprungsort wieder aufleben zu lassen.
Ich freue mich, daß im Juli 1999 von Prof. Schlegel im König-Karls-Bad die in seinem Kurs mit 17 Teilnehmern erstellte Wismutmalerei vorgestellt wurde und ich in
meiner Ansprache meine Entdeckung der Wismut-Malerei von 1514 vortragen durfte.
Woher bezogen die Wildbader Maler das seltene Wismut? Im cirka 20 km entfernten Neubulach wurde Jahrhunderte lang neben Silber auch Wismut abgebaut, und es
ist anzunehmen, daß von dort das Wismut bezogen wurde. Im dortigen Museum ist das silber- und wismuthaltige Erz des Silberbergwerks ausgestellt.
Das Neubulacher Heimatbuch, von Heinrich Meier verfaßt, gibt einige Hinweise auf das seltene Metall. Er läßt dort auf den Seiten 156-159 Dr. Siegfried
Sieber, Aue
i.S. (1950) zu Wort kommen.
Auszugsweise sei das Wesentliche gekürzt wiedergegeben:
- Metallforschern des Altertums und des Mittelalters war Wismut bekannt.
- seit 1463 ist Wismut-Bergbau im sächsischen Erzgebirge bezeugt.
- Im ersten Bergbaubuch wird 1505 „Wysmud-ertz“ vom Freiberger Arzt Rülein von Calbe erwähnt.
- Mittels Wismut soll Gutenberg der Guß von Metallbuchstaben gelungen sein.
- Paracelsus hat sich mit der medizinischen Anwendung von Wismut befaßt.
- um 1614 gab es in Nürnberg eine eigene Innung der Wismutmaler. Von 8 Mitbegründern stammten 3 aus Wildbad.
- Künstler, zum Beispiel van Dyck, haben versucht, Wismut für die Ölmalerei zu verwenden.
- Eine bestimmte „Mailänder Arbeit“ hat mit Wismut solchen Metallglanz hervorgezaubert, daß man die betreffenden Gefäße und Geräte als Ersatz für goldene und
silberne gelten ließ.
- Auch Alchimisten befaßten sich mit diesem Metall.

Zierkästchen mit gewölbtem Deckel, Wismutmalerei auf Buchenholz,
wohl Baden (Schweiz), 17./18. Jahrhundert
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