|
C.M. Eifert: „Nachrichten zur Geschichte von Calmbach und Höfen“ (1850)
Wie’s mit dem Kloster Hirsau bestellt war,
und wie Calmbach zu seiner
Kirche kommt.
Hatte Calmbach so als würtembergischer Ort zu leiden, so mag auch
sein Verhältnis zum Kloster Hirsau damals kein heilbringendes gewesen
seyn; denn das Kloster war in schmählichem Zerfall. Die Klosterherren
waren allmählich üppige, lüderliche Gesellen geworden,
die der heiligen Zucht lange vergessen hatten. Mehrere Jahrhunderte lang
war Hirsau der Sitz großer Lasterhaftigkeit, daher kam eine ungeheure
Schuldenlast, die sich so steigerte, daß die Aebte darunter verzweifelten.
So stand es schon 1280 unter Abt Roland, 1359 unter Abt Wigand, 1380
unter Abt Gottfried II, ganz besonders aber unter Abt Wighand II., unter
welchem das Kloster seine Leute nicht mehr nähren konnte, sondern
in andere Klöster verschicken mußte. Unter der Schlechtigkeit
dieser Verwaltung hatten nun ohne Zweifel auch die Unterthanen und Angehörigen
zu leiden, wozu auch kam, daß die Nachbarn, besonders die badischen
Vögte von Liebenzell sich manche Uebergriffe erlaubten. Erst der
kräftige Abt Friederich II., der Ifflinger genannt, der im Jahr
1400 ans Ruder kam, brachte wieder Ordnung in die Haushaltung, und er
war es auch, der nun um Calmbach ein besonderes Verdienst sich erwarb.
Im Jahr 1411 nemlich am 4. Mai erhielt das Kloster vom Grafen Eberhard
dem Milden die Erlaubniß in Calmbach eine eigene Kaplanei-Pfründe
zu errichten, d. h. zu der jetzigen Pfarrei Calmbach den Grund zu legen;
obgleich damals ausdrücklich bedungen war, daß der Ort von
der Pfarrei Wildbad nicht getrennt werden dürfe.
(Archival-Urkunden).
Das ist ohne Zweifel so zu denken, daß da die Gemeinde immer größer
wurde, in ihr der Wunsch entstand, einen eigenen Gottesdienst in ihrer
Mitte zu haben. So weit nun das Kloster Theil am großen Zehnten
hatte, war es zu dessen Einrichtung verpflichtet. Jedenfalls kam der
Abt Friedrich diesem Wunsche um so mehr nach, als ihm überhaupt
an Ordnung und Kirchlichkeit gelegen war, und so wurde mit Erlaubnis
des Schirmherrn, der ohnehin wegen Wildbads mitzusprechen hatte, aus
dem Einkommen von Calmbach so viel ausgesondert, als zur Ausstattung
eines eigenen Geistlichen nöthig war. Worin die erste Dotation bestand
und zu welchen Theilen sie vom Kloster, von Wür-temberg und von
der Gemeinde geleistet wurde, ist nicht mehr zu erforschen. Wahrscheinlich
gab das Kloster aus seinen Waldungen das Holz und einen Theil der Früchte
von den ihm zufallenden Zehnttheilen. Pfarrgüter sind schwerlich
ausgeschieden worden, wenigstens weist nirgends ein Name daraufhin.
Es wurde aber auch, da der Ort
der Mutterkirche zu Wildbad nicht sollte entzogen werden, nur ein Kaplan
als Gehülfe des dortigen Pfarrers ernannt, der die Verpflichtung
hatte, die Gottesdienste zu Calmbach zu versehen, ohne daß deswegen
die Leistungen der Filialgemeinde an die Mutterkirche aufhören durften;
wie einzelne Abgaben sich bis in die neuere Zeit noch erhalten haben.
Zur Kaplanei aber gehörte auch eine Kapelle, und so war eine solche
entweder schon bisher vorhanden oder ist jetzt erst das Kirchengebäude
zu Calmbach entstanden. Dieses war ursprünglich allerdings nichts
als eine kleine, niedrige Kapelle; unzweifelhaft enthält die jetzige
Kirche noch diese ältesten Theile; sie beweist aber eben durch ihre
geringe Höhe die Kleinheit der ersten Anlage und durch den gänzlichen
Mangel an allem architektonischen Schmuck in Fenster, Fries und Thor
die Armuth der Zeit, in welcher sie erbaut wurde, obgleich dies die Blüthezeit
des gothischen Baustyls war. Wer die Baukosten trug, laßt sich
nicht mehr bestimmen, wahrscheinlich das Kloster etwa mit Zuziehung der
Gemeinde zu Frohndiensten. Ob die Kapläne zu Calmbach bei ihrer
Kapelle, wie es gewöhnlich war, oder zu Wildbad in der Nahe der
Mutterkirche wohnten, ist nicht gewiß; doch spricht für das
Letztere das nachherige Verhältnis und daß in Calmbach kein
Haus sich findet, das auch nur durch die Sage als ehemalige geistliche
Wohnung bezeichnet würde, während Wildbad von Alters her eine
Kaplanwohnung hat. Für das Erstere spräche nur der Umstand,
daß bei einer späteren Erweiterung des Kirchleins, wobei ein
Theil des Kirchhofs umgegraben wurde, in der Nahe des Kirchenthors mehrere
Leichen mit noch erkennbaren festen von Mönchskutten oder Ordenskleidern
ausgegraben wurden, wahrscheinlich frühere geistliche Diener am
Kirchlein, wozu das Kloster gern seine Conventualen verwendete. Indessen
konnten diese auch von Wildbad herab auf den Kirchhof ihrer Kapelle gebracht
worden seyn. Die Stelle der Kirche, nicht auf Hirsauer Grund; sondern
jenseits des Calmbachs auf würtem-bergischem Boden gibt ein Zeugniß für
die Erweiterung des Dorfs.
|