C.M. Eifert: „Nachrichten zur Geschichte von Calmbach und Höfen“ (1850)
Was im dreißigjährigen Krieg geschah.
Schreckliche Noth und Pest.
Mittlerweile hatte die schreckliche Zeit des dreißigjährigen Kriegs
begonnen.
Anfangs tobte er in Böhmen vom Jahr 1618 an; im Jahr 1621 kam er näher.
Damals besetzten die Spanier und Baiern unter Tilly die Pfalz; der Graf
von Mannsfeld dagegen warf sich ins Elsaß und machte von dort aus
Plünderungszüge. Zwar erschienen bis jetzt immer noch die Thäler des
Schwarzwalds sicherer als das offene Land, weßwegen sich scharenweise
Pforzheimer und Andere nach Calmbach flüchteten, und das Taufbuch von
1622 meldet mehrere Geburten, welche auf der Flucht hier Statt gefunden,
haben. Allein doch spricht sich die Unsicherheit der Zustände z.B. darin
aus, daß im Jahr 1621 gar keine Hochzeit Statt gefunden hat, was sich
später 1626 wiederholt, und die Croaten zogen durch den Schwarzwald gegen
das Enzthal hin. Wie diese haußten, deuten auch die Kirchenbücher an.
Wie sie z.B. in Rastatt nothzüchtigten und plünderten, so thaten sie
auch auf ihrem Zuge durchs Neuenbürger Amt, mißhandelten die Leute,
zündeten die Dörfer an. Und die folgenden Jahre brachten Theurung und
Hungersnoth und in Folge davon jetzt schon verheerende Seuchen. So starben
schon im Jahr 1627 in Calmbach allein 83 Personen.
Im Jahr 1629 wurden die Klostergüter wieder den Katholischen zugesprochen
und ausgeliefert. Unter dem Schutze des kaiserlichen Heeres zogen Jesuiten
und Pfaffen wieder ins Land, rissen die Einkünfte wieder an sich, und
verweigerten den Geistlichen, die sich ihnen nicht unterwarfen, die
Besoldung. So kamen 1630 am 6. Sept. 8000 Mann aus dem Elsaß herüber
nach Hirsau, verjagten den Abt Bauhof, entbanden die Unterthanen des
Klosters ihrer Pflicht gegen Würtemberg und nöthigten sie sogar an
vielen Orten wieder katholisch zu werden. Ebenso verfuhren sie am 8.
September zu Herrenalb. Freilich als Gustav Adolph von Schweden Sieg um
Sieg erfocht, flohen die Pfaffen wieder; nur die Tilly’schen Horden
treiben sich 1632-1634 von Pforzheim herauf, von Nagold herab durch den
Schwarzwald. Aber als im Jahr 1634 die Evangelischen in der Schlacht bei
Nördlingen eine furchtbare Niederlage erlitten, so schien alles Bisherige
nur Vorspiel des Elends gewesen zu seyn, das nun erst anhub.
Eine unbeschreibliche Verwirrung bemächtigte sich alles Volks. Die Flucht
von allen, welche davon eilen, geht über den Schwarzwald, Frankreich zu,
oder ins Badische unter den Schutz des markgräflichen Lagers. In dieses,
nach Ettlingen, sollte auch die würtembergische Artillerie von Tübingen
hinweg gerettet werden; ein Hauptmann Gültlingen hat sie, 5 Geschütze
nebst einigen Wägen voll Kostbarkeiten mit einen Regimente zu geleiten;
allein obgleich er sich verfolgt weiß, verweilt er leichtsinniger Weise
zu lange unterwegs; hinter ihm her wüthen Johann von Werths Croaten. In
der Gegend von Calmbach erreichen sie ihn, hauen die Bedeckung nieder und
bemächtigen sich der Stücke. Aber einmal da, wollen sie sich mit dieser
Beute nicht begnügen und fallen über die Dörfer her, zu plündern. In
Calmbach vertreten ihnen der Schultheiß Georg Vollmer, der Anwalt
Bernhard Kleinbub, gewesener Schultheiß und des letzteren Sohn den Weg
und wollen. wehren. Da hauen die Wütheriche auf sie ein und alle drei
verbluten unter ihren Streichen am 12. Sept. 1634 und nun geht der Raub
von Haus zu Haus; an Widerstand ist nicht zu denken. Eine große Lücke im
Kirchenbuch läßt schließen, daß der Gräuel noch mehr zu berichten
gewesen wären, und die Abscheulichkeiten, welche Johann von Werth in Calw
verüben läßt, - wo er mordete, was ihm vorkam, mit der ausgesuchtesten
Grausamkeit jedes Alter, jedes Geschlecht den scheußlichsten
Mißhandlungen Preis gab, die Sterbenden noch aus bloßer teuflischer Lust
mit den ausgesuchtesten Martern quälte, und durch den sogenannten
schwedischen Trunk die letzte Habe erpreßte - lassen schließen, wie auf
dem Lande gehaust worden seyn mag. S. Andreäs Beschreibung S. 36.
Aber das grenzenlose Elend brachte erst noch das folgende Jahr, 1635. Denn
da brach in Folge des Hungers und der Noth der Typhus, die Pest aus und
richtete ungeheure Verheerungen in den beiden Orten an. Vom Monat Februar
an wüthete sie bis gegen den Herbst. Im Februar waren unter 11 Leichen 9
Personen von 20-35 Jahren. Je mehr aber der Frühling und die
Sommerhitze zunahm, um so heftiger wurde das Uebel. In den Wäldern fallen
die Leute jählings zu Boden und bleiben todt liegen; Mann und Frau stirbt
am gleichen Tag. Bernhard Kleinbubs, des gemorteten Anwalds hinterlassene
Töchter, 12 und 14 Jahre alt, sterben beide am 12. Juni; am 20. Juni
sterben Hans MahIers 5 Töchter, 21, 18, 16, 12 und 9 Jahre alt, am 22.
wird Laur Dauß, 40 Jahre alt, mit seiner Gattin von 30 Jahren und seiner
17jährigen Tochter zugleich begraben; am 19. Jakob Dauß Hausfrau samt
ihrem 15jährigen Sohn, zugleich Georg Volz mit seinem Kinde. Am 1. August
sind 6 Leichen, am 2. 10 Leichen an demseIben Tage; darunter die einer
ganzen Familie KeppIer. Am 12. August sterben Michael Fiegen beide
leibliche Töchter; Johann Stephen verliert am 17. August 2 Mädchen von 5
und 10 Jahren am 18. die zwei weiteren Kinder von 8 und 4 Jahren. Im Juni
sind 24, im Juli 31 Leichen, so daß auf jeden Tag eine kommt; im August
aber steigt die Zahl auf 66, besonders auch von Höfen; im September
sterben noch 14. Im Ganzen sind 135 Personen meist im besten Alter
gestorben. Schon im April raffte die Seuche den Pfarrer Joh. Georg Lieder
hinweg sammt seiner ganzen Familie. Helfer Beutelsbacher ist nur hier vom
April 1635 bis zum Februar 1636; dann zieht er nach Calw, dort stirbt auch
er. Ein Helfer Stephan folgt, aber nur auf einige Monate. Nach ihm bleibt
die Pfarrei Calmbach 5 1/4 Jahre lang unbesetzt. Denn zu allem
Unglück sind auch die Jesuiten wieder da, und verweigern den Geistlichen
die Besoldung, bis der Herzog im Jahr 1641 Gewalt brauchte, den Pfarrern
ihren Gehalt zu verschaffen, und am 25. Juli desselben Jahres Pfarrer
Schabhard seine Stelle antritt.
Ein weiterer Beweis von der herrschenden Noth liegt auch in dem Berichte,
wie z.B. am 1. November 1637 „ein armes Mensch“ im Walde todt
gefunden wird, am 3. November „ein armes Mensch“ gerade noch
Calmbach erreicht, um da sogleich zu sterben; eine dritte endlich ihr
Kindbett im Walde halten muß. Die Art aber, wie die Pfaffen verfuhren,
zeigt folgender Vorfall: Hans Michael Kleinbub, welcher von den
schwedischen Soldaten um 5 Batzen zum Lohn in den Wald nach einem
verlassenen Stück Vieh geschickt ist, wird von dem Abt Claussen von
Herrenalb angetroffen, der ihm neben seinen Bauern erstlich die Nase
abgehauen und gefangen bis nach Calmbach geführet, und daselbst vor Hans
Jakob Bodamers Haus gar erschossen und niedergemacht hat, 31. März 1638,
ein frommer ehrlicher Mensch, der 3 Tage zuvor das heil. Abendmahl
empfangen hat. Quid milites faciant, andeat cum talia et Abbas! ruft der
eintragende Pfarrer aus: „fühlt selbst ein Abt an dem kein Grausen,
wie mögen erst Soldaten hausen“.
Auch im Jahr 1641 wieder, da Oberst Rosen in den Schwarzwald eindringt,
und Calw und Hirsau plündert, ist die Pfarrei ohne Pfarrer, nachdem auch
Schabhard wieder abgegangen ist, und bleibt aufs Neue 1 1/2 Jahr erledigt.
Der Decan von Wildbad, Deucer, versieht nothdürftig das Amt, ein Mann,
dessen ganzes Leben auch nichts ausweißt, als Verfolgung und
Ruhelosigkeit. (Siehe Wildbader Kirchenbuch.*) Noch ums Jahr 1643 liegen
GalIas’sche Regimenter sowohl in Höfen als Calmbach und verüben
gräuelhafte Unzucht und Sittenlosigkeit. 1644jagen sich die schwedische
und die hessische Armee durch den Schwarzwald den im März ein ungeheurer
Schneefall beinahe zugedeckt und unzugänglich gemacht hat, und noch ist
es so unsicher, daß in Calmbach eine Hochzeit um des Kriegslärms willen
nicht gehalten wird. Im Jahr 1645 vollends kommt der schon 1641 dagewesene
Rosen als General wieder mit 1200 Reitern und 5 Regimentern, vom Rheine
her, brandschatzt und plündert, und liegt eine Weile in Calw; nach ihm
überschwemmen die Franzosen das Land, und plündern Liebenzell; während
Wildbad in demseIben Jahr einige Monate vorher durch einen neuen Brand von
90 Häusern sammt der Kirche in Asche gefegt wird im November desselben
Jahrs verbrennen die Kaiserlichen wieder Calw und nehmen Winterquartier in
der Gegend Da endlich im Jahre 1648 wird Friede gemacht, und am 2.
November die neue Zeit verkündigt.
*) Johann Deucer, Prediger in Thüringen, Meisen, Böhmen, Franken, am
Rhein, von den Calvinisten aus der Pfalz, sodann von Schlackenwald in
Böhmen, von Heiligenzell in Franken, endlich von den Päbstlichen aus
Mainz; mit 10 Kindern ins Elend verjagt, endlich Decan zu Wildbad, 1636.
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